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Tanz in den Mai – MIT MIR!

von Norman Seidler | 01.05.15 - 13:38 Uhr

Verschwommenes wird klarer. Konturen. Ich blicke auf zahlreiche Betonstufen. Leicht bemoost sind sie, aber stark abfällig. Viele Gesichter ummanteln mich. Bangend. Zitternd. Einige geheimnisvoll. Mitten im Block finde ich mich wieder. Überall Stahlgitterzäune, so weit mein Blick haschen kann. Links, rechts, vor mir und hinter mir. Es ist schwül und drückend. Der Himmel liebt heute die dunkelgrauen Wolken.

Mein Blick trifft die Betonstufen. Ein großer Plastikbeutel wird umher gezogen. Hoch belastet, der Schwerkraft erlegen, Staub wirbelt, viel Pulver, sie zerren ihn.

„Kommt mir bekannt vor“, denke ich. Blaue Shirts mit der Aufschrift: „Wer liebt, der glaubt.“

Absoluter Irrsinn. „Wie kann ich bloß schon wieder hier sein?“ Schon wieder hier. Vögel zwitschern – aber anders als zu Hause. Heimat. Da bin ich nicht. Fast 400 Kilometer entfernt. Hier schweben die Bahnen in der Luft. Am Einlass traf ich meinen Cousin. Ewig nicht gesehen. Vereint in der Sache? Natürlich!

Wuppertal.

terror
2008 ist Magdeburg abgestiegen – der ganze Hass entlud sich - Foto: www.sportfotos-md.de
Es riecht nach Ärger. Ein ganz komischer Tag ist das. Alles weiß Bescheid. Zwischenzeitlich klart es auf: Blau-Weiß siegt mit 2:1 auswärts. Doch. Doch, das reicht nicht. Wir. Wir steigen ab. Die Dortmunder Amateure verlieren bei unseren Freunden aus der Partnerstadt. Braunschweig zieht den Kopf aus der Schlinge und jagt uns in den Abgrund. Die Hölle – Das Magdeburger Glück und die ewige Nachwende-Heimat.

Sie, du, ich, wir. Pure Verzweiflung.


Da brennt sie, die Plastiktüte. Es scheppert, es knallt, es zündelt, es leuchtet, es stinkt und es brodelt. Der Wuppertaler Himmel ist schwarz und wird durch Röte erhellt. Noch dunkler sieht es in den Mägen der vielen mitgereisten Magdeburger Anhänger aus. Schmerzen, Tränen, Wut und Hass.


Unten: Vierte Liga. Zurück. Gefangenschaft im Kerker.


Oft träume ich
von diesem Tag. Ein schwerer Einschnitt in die sportliche Chronik meines 1. FC Magdeburg.



Der 31. Mai 2015
rückt unaufhörlich näher. Der 31. Mai 2008 war einerseits wie erlebt erst gestern, andererseits wie gefühlt vor 30 Jahren.
In diesem Jahr zelebrieren wir nicht nur das 50-Jährige Jubiläum von Blau-Weiß, sondern weitere sieben Jahre Amateurfußball. Papa erzählt seinem Sohn nur noch schemenhaft, wie es wohl in den Gold-Jahren ausgesehen haben muss, als sein FCM der Konkurrenz aus national wie international wöchentlich aufzeigte, wer das Salz in der Suppe ist. Denn auch er hat mittlerweile nur noch ein Grundgerüst im Kopf, wann das war und wie sich das wohl anfühlte – Sohnemann ist nämlich selbst zum Vater geworden und hat die alten Kriegsgeschichten satt. 

Kalle
Mario Kallnik erklärte am 31. Mai 2008 seinen Rücktritt als Spieler beim FCM – Foto: www.sportfotos-md.de


Seit dem 31. Mai 2008 hat sich mein ganzes Leben verändert. Beruflich, wie familiär. Ich war hart für mich und meine Familie arbeiten. Habe mein Leben neu geordnet und etwas auf die Beine gestellt.
Ich gehe jeden Tag auf die Baustelle und prügele mich mit Problemen herum, klettere in die Kanalisation und wühle im Unrat, steuere die Straßenbahn der Verkehrsbetriebe, trenne hässliche von schönen Brötchen am Fließband, fälle im Gerichtssaal Urteile, stehe auf der Bühne und spiele meine Rolle. Ich sitze beim Doktor und habe eine Auswertung über meiner Herzleistung, der Stapel an Kundenaufträgen wird nicht weniger und trotzdem fahre ich die nächste Palette hinaus, damit die Regale voll sind. Mittlerweile schreibe ich an meiner Doktorarbeit, habe meinen Malermeister gemacht und arbeite als KFZ-Mechatroniker in meinem Lieblingsbetrieb, obwohl ich mal wieder beim Ladendiebstahl und Verticken von Drogen erwischt wurde. Ich habe republikweite Kundentermine und lerne, meine ersten Buchstaben zu schreiben.


Wohin sind sie, die Jahre? Etwas hat sich nicht verändert. Ich renne Woche für Woche zu meinem Club. Egal, ob auf der Baustelle, in der KFZ-Werkstatt, im Gerichtssaal, im Untergrund, im Zehngeschosser, am Fließband oder zwischen meinen neugeborenen Engeln. DU bist immer in meinen Gedanken. Dort liegst du an der Kette. Gefesselt im Viertliga-Kerker und ich kann machen und tun, was ich will, ich bekomme dich nicht frei. Das drückt mich runter, das macht mich irre.


Meine Taten, mein Drang, alles läuft auf 100 Prozent. Deine Freiheit, es wäre eine Explosion in meinem Kopf. Seitdem ich dich in dieser Saison zahllos siegen sehe, geht es mir besser. Ich lebe und ich strotze privat wie beruflich vor Kräften. Es könnte nicht besser sein. Doch, könnte es.


Der Mai ist da.
Der 31.05. rückt näher. Und ich habe keinen größeren Wunsch, als dich in diesem Mai noch sechs Mal siegen zu sehen. Dafür werde ich dich begleiten. Mein Kopf, mein Mund, meine Hände und meine Muskeln werden dich unterstützen. Tragen werde ich dich. Über 90 Minuten hinaus. Denn ich will den letzten Maitag 2008 endlich aus meinem Kopf verbannen und mit der Vergangenheit klar Schiff machen. Dafür werde ich alles geben – einfach alles! Für einen neuen 31.05., egal, wie dieser aussieht.

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