Die -EIN Punkt ist besser als KEIN Punkt- Floskel

... oder wie ich 94 Minuten Achterbahn fuhr.

Die -EIN Punkt ist besser als KEIN Punkt- Floskel

17.06.2020von Nicole OtrembaFußball
Die -EIN Punkt ist besser als KEIN Punkt- Floskel

Emotional hat mich dieses Spiel 94 Minuten auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Zuerst kommt immer der entspannte Teil. Man ruckelt so vor sich hin. Dann beginnt die Achterbahnfahrt und es geht hin- und her und man wird ständig in andere Richtungen gebracht. Das Herz schlägt schneller, dann ein Schrei, dann gehts weiter und am Ende das Auslaufen und ein tiefes Durchschnaufen. Man atmet die Aufregung mit vielen tiefen und langsamen Atemzügen weg.

Genau so habe ich mich Dienstagabend gefühlt, als ich im Erdgas-Sportpark dieses Spiel verfolgt hatte. Unter Coronabedingungen, vorbildlich mit Maske und im Rücken einige Vereinsangehörige. Leere Ränge und ein Spiel Rot gegen Blau. Kein Derby.

Der Gegner war hochmotiviert. Nach dem Trainerwechsel konnten zwei Spiele in Folge gewonnen werden. Nun sollte der positive Trend fortgeführt werden. Der Club hatte parallel auch einen Trainerwechsel vollzogen und das letzte Heimspiel gegen Köln unter Thomas Hoßmang gewonnen. Zwei Mannschaften. Zwei neue Trainer. Auf beiden Seiten positive Veränderungen. Oder doch nicht?

Die ersten Minuten stimmten mich noch hoffnungsfroh. Der Ball lief und meine Stimmung war gut. Doch dann wurden auch die Auswechselspieler des Gegners, die genau vor mir Platz nahmen, munterer. Aktionen wurden befeuert. Dann stimmten auch die anwesenden Personen des Vereins ein. Von links vernahm man auch unsere eigenen Anfeuerungsrufe. Die Trainer unten waren lautstark zu hören. Das Stadion ist aber auch klein, dachte ich. Alles hallte. Von den restlichen Reporterplätzen kamen bereits Diskussionen, die Radiomoderatoren moderierten und irgendwie stört es einen doch immer, wenn eigentlich die Wahrheit gesagt wird, aber diese nicht gehört werden will.

Vor dem Spiel hätte ich ein Unentschieden sofort unterschrieben. Nun hatten die Hausherren aber Oberwasser und wir waren im Glück, dass wir nicht in Rückstand gerieten. Was war denn zum letzten Spiel passiert? Es folgten keine Sprints über die Außenbahnen, es wurde viel hin- und hergepasst.  Ballsicherheit. Aber die Flanken für die Stoßstürmer fehlten. Viel vom Tempo am Wochenende war nicht zu sehen.

Kurz vor der Halbzeit wurde der Kapitän der Hausherren, nach einem wiederholten Foul, frühzeitig zum Duschen geschickt. Wir in Überzahl? Freude kam bei mir nicht auf. Die Erfahrungen der letzten Jahre kamen in mir hoch. Gut ausgesehen hatten wir noch nie. Egal welche Spieler auf dem Platz standen. Und ich wurde wieder bestätigt. Ballbesitz hin oder her ... wenn man den Ball nicht in die Box bekommt, dann kann man den Ball auch nicht ins Tor schießen.

Und zu Beginn der zweiten Halbzeit betrat ich nun die Achterbahn. Der Gegner lauerte auf Konter und diese nutzten sie auch. Wir in Überzahl, aber die Chancen waren auf der anderen Seite. Immer wieder tiefes Einatmen, sofern es mein Mundschutz zuließ. Die Stimmung auf den Rängen begann zu brodeln und je länger das Spiel dauerte, umso schlimmer wurde es. Und dann kam der Looping. Wir gerieten in Rückstand und das Stadion wurde richtig laut. Dies war der eine Moment indem ich mir mal erlaubte, mich zu freuen, dass das Stadion sonst leer war. Die nachfolgenden Minuten war ein Dauerlooping. Man brüllte, man schrie und man forderte den Schiedsrichter permanent auf, das Spiel zu beenden. Doch dann ... ja dann ... kam der Moment, wenn du die schlimmste Achterbahnfahrt überstanden hast und dein Glück nur noch herausbrüllst.

Das ich auf der Ersatzbank den Kapitän der U19 Julian Weigel fand, wunderte ich mich nicht. Als er aber in der 83. Minute, statts den erwarteten Sirlord Conteh, eingewechselt wurde, runzelte ich die Stirn. Eine Mammutaufgabe in einem doch so wichtigen Spiel und eine Last auf seinen Schultern, die er zuvor noch nie erlebt hatte. Er holte sich dann auch gleich mal eine gelbe Karte ab. Hut ab, dachte ich. Ganz schön keck der junge Bursche. Und dann machte er sein Märchen wahr. In der Nachspielzeit fasste er sich ein Herz, dachte nicht weiter nach und brachte den Ball mit dem Außenrist ins rechte Toreck.

Ich glaube, ich schaute wie ein Auto und starrte nur auf Schiedsrichter, Linienrichter, Schiedsrichter, Linienrichter und dachte "Er wird doch nicht ...". Schiedsrichter Dankert zeigte auf den Anstoßpunkt und da hatte auch ich die Achterbahnfahrt heile überstanden und brüllte nur noch. Hinter mir und vor mir brüllten sie auch. Die Auswechselbank der Hausherren wurde malträtiert. Doch unsere Spieler lagen sich in den Armen. Mittendrin der Trainer Thomas Hoßmang und eben auch der junge Julian Weigel, der sein Glück kaum fassen konnte.

Wir auch nicht. Es war die 93. von 94 Minuten. Auf der Anzeigetafel stand ein 1:1 und kurz darauf pfiff der Schiedsrichter ab. Wütende Proteste aus allen Ecken. "EIN Punkt ist besser als KEIN Punkt" dachten wir. Es war ein glücklicher Punkt. Verdient sicherlich nicht. Dafür waren wir einfach zu harmlos. Allein das Gegentor hätte so nie fallen dürfen. Zuerst hatten wir den Ball am Fuß und spielten ihn zum nächsten Spieler, getreu nach dem Motto "Nimm du, ich hab ihn sicher". Und im Konter übersahen gleich zwei Spieler von uns den durchstartenden Pascal Sohm. Ein gutes Spiel sieht anders aus. Der erhoffte Offensivfußball war nicht zu sehen. Das Wort "statisch" fiel mir zu oft von den anwesenden Reportern und ja ... ich fühle mich da immer ein wenig selbst angegriffen, da ich ja so mit der Mannschaft mitfiebere. Eine blau-weiße Brille habe ich halt auf, da sieht man alles etwas "rosaroter". Doch ich musste auch mir eingestehen, dass das Restprogramm nicht einfacher wird.

Mein Herz, Leute. Mein Herz fuhr wieder Achterbahn. Am Ende ein Punkt, den ich vorher (mindestens) gewollt hatte. Es war ein zweites Spiel in Folge, was wir nicht verloren haben. Darf ich optimistisch in das nächste Spiel gehen? Der Blick auf die Tabelle macht mir immer wieder Angst. Die Reserve von Bayern München kommt und egal welche Spieler dort spielen. Sogar die B-Jugendlichen würden uns momentan technisch schwindelig spielen. Angst ist vielleicht das falsche Wort. Es wird erneut eine Herausforderung werden, die man schlecht einordnen kann. Ich erhoffe mir einen positiven Ausgang der Saison und erwarte im nächsten Spiel einen anderen Auftritt. Mit mehr Sebstbewußtsein. Mehr Tempo und mehr Chancen.

Auch einen Tag nach diesem Spiel bin ich immernoch leer. Diese Achterbahnfahrt hat mich viel Kraft gekostet. Aber morgen geht wieder die Sonne auf. Ich versuche zu entspannen und neue Kraft für das nächste Spiel zu sammeln.

Neues Spiel. Neuer Kampf. Neues Glück.

Einmal-Immer!