Die Zeiten sind nicht immer leicht ...

Der Fussball, der Club und die Coronapolitik

Die Zeiten sind nicht immer leicht ...

27.05.2020von Nicole OtrembaFußball
Die Zeiten sind nicht immer leicht ...

... doch wir steh`n an deiner Seit. Denn was zählt ist nach wie vor ... haut den Ball für uns ins Tor. (Unterstützungsgesang der Fans des 1.FC Magdeburg)

Der Fussball, der Club und die Coronapolitik.

Rückblick. Es ist Freitagabend. Es ist der 06. März 2020 und ich sitze völlig pappesatt im Presseraum des MSV Duisburg und kann es nicht glauben. Ein böses Foul setzt Dominik Ernst schachmatt. Die Bilder, die ich geschossen habe, zeigen keinen Jubel unserer Elf. Es war erneut eine bittere Niederlage, die uns auf den Magen schlug. Doch abseits des Platzes ist eines schon mehr als präsent. Wir saßen mittendrin im damaligen Coronahotspot Deutschlands. In Nordrhein-Westfalen. Nichts war mehr präsenter als das Virus. Desinfektionsspender überall. Ein Husten im Raum und jeder zog unbemerkt seinen Kragen ein Stückchen höher. Die Angst vor einem unbekannten Virus machte die Runde. Die Angst vor dem Unbekannten am Ende der Fussballsaison lag tief im Magen. Die Rückfahrt war lang und war die letzte Fahrt in gemeinsamer Runde. Doch das wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner.

Am Montag nach der Niederlage zeichneten sich bereits schon die Vorahnungen ab, dass was ganz Großes auf uns zukam. Es wurde über Spielabsagen diskutiert. So etwas habe ich selbst noch nicht erlebt. Man kann sich viel vorstellen, aber so ein Ausmaß sicherlich nicht. Corona war in aller Munde und die Heimspielabsage folgte. Danach kam sie ... die Leere.

Eine Zeit "ohne Freizeit".

Ein Fussballfan der am Wochenende mit Leidenschaft ins Stadion geht, die Dauerkarte zu Saisonbeginn mit einem Lächeln erwirbt und diese vor dem ersten Benutzen stolz in den Fingern hält, der plant auch seine Freizeit mit und nach dem Club. Die Wochenenden werden fest eingetaktet. Die Urlaube, wenn möglich, so gelegt, dass die Spiele irgendwie mit reinpassen (Was nicht passt, wird passend gemacht). Alles ist rund und der Ball läuft. Doch ab Mitte März ist nur noch Stille angesagt. Corona hat gesiegt. Der Lockdown ist über die Welt hereingebrochen und die Uhren stehen förmlich still. Es ist eine Zeit, die als Entschleunigung vom Alltag in die Geschichtsbücher geht. 

Der Fussball und damit die DFL und der DFB erkennen den Ernst der Lage und folgen der Politik. Unsere Kanzlerin verkündet den Lockdown und ALLE müssen folgen. Fast alles steht still, auf alle Fälle die Freizeitaktivitäten. Kein Ball rollt mehr, kein Sport wird vereinsmässig ausgeführt, keine Kultur, kein Essen gehen, keine Reisen, keine Besuche bei Verwandten und Bekannten. Das nächste Bundesland ist unerreichbar weit weg. Nicht nur die Staatsgrenzen werden geschlossen, sondern auch die Landesgrenzen. Das HomeOffice wird vielerorts ganz schnell umgesetzt, leider nimmt auch die Kurzarbeit stark zu und viele fürchten um ihre eigenen Existenz. Doch es wächst der Zusammenhalt untereinander. Man hilft dem Nachbarn wo man kann. Man verweilt zu einem Schwätzchen mit Abstand und ist nicht gehetzt. Zu Beginn halten sich alle ganz brav daran. Auch die Landesväter und der Fussballbund, doch mit den Tagen und Wochen die ins Land gingen, wächst der Druck. Der Druck des Geldes.

Der Druck steigt ... 

Der Coronahotspot wandert von Nordrhein-Westfalen nach Bayern. Die DFL spürt den Druck des Geldes und will mit Geisterspielen die Bundesliga durchbringen. Alle anderen Bundesligen sagen ihre Saison ab und finden eine schnelle Lösung, die auch beim Großteil der Vereine, eine Zustimmung findet. Egal, ob im Eishockey oder im Handball. Das Spielgerät ruht. Die Saison ist beendet. Und dann kommt ein kleines Land in Europa auf die Idee, auch dort, aufgrund der Gesundheit, die Saison vorzeitig zu beenden und erklärt den klaren Tabellenführer zum Meister. Und dann beginnt ein Theaterschauspiel, welches kein Schriftsteller hätte besser schreiben können. 

Die Fifa droht mit Strafen. Die Gesundheit wird plötzlich nach hinten gestellt. Andere Belange sind wichtiger. Die monetären. Also zieht das kleine Land die Gedanken um die vorzeitige Beendigung schnell zurück, denn sonst würde der Meister nicht die Chance haben in der ChampionsLeague zu spielen. Obwohl sie als Meister qualifiziert wären. Also 1+1 macht immernoch 2, oder doch nicht? Nun denn, dachte ich mir ... schauen wir uns das Schauspiel mal weiter an und was noch folgt. Das Schauspiel nahm unwahrscheinlich an Fahrt auf. Die Spannung stieg, denn der Druck stieg. Ganz Europa schaute plötzlich auf Deutschland, denn hier preschte man voraus und ging vorneweg mit einem kräftigen "Seht her ...".

Die 2-Klassen-Gesellschaft oder Wer ist hier der Boss?

Der gemeine Fussballfan in Deutschland geht einem normalen Beruf nach. Der eine lebt mehr recht als schlecht, der andere gut. Aber im Stadion vereint beide das Gleiche. Der Fussball. Mit Trikot und Schal stehen sie nebeneinander. Im Gesundheitswesen dagegen triften sie oft voneinander ab. Kassenpatient oder Privatpatient. Das ist im "Kleinen" schon eine jahrelang praktizierte 2-Klassen-Gesellschaft. Doch in den Arztpraxen und Krankenhäusern, da wird nun in der Coronazeit klar, dass das Gesundheitswesen an sich krankt. Keine Schutzausrüstung. Keine Testkapazitäten. Die Ärzte schicken kranke Menschen nach Hause, lassen sie erst gar nicht rein. Aufgrund mangelnden Testkapazitäten werden viele Menschen gar nicht auf Corona getestet. 

Der Fussballbund hat aber alles im Griff. Damit nach Außen alles schick ist, gibt es für die Fussballer natürlich ausreichend Testkapazitäten. Es gibt auch genügend Mundschutzmasken. In Coronahotels werden die Spieler einquartiert, unter Quarantäne gehalten, damit eines stattfinden kann. Der Fussball. Der gemeine Fussballfan dagegen sitzt weiterhin zu Hause, ggf mit Kurzarbeitergeld, kann nicht raus und hört, was die Landesregierung ihm auferlegt hat. Kein Kontakt zu anderen Personen. Keine Reisen ausserhalb des Bundeslandes. Kein Sport im Verein. Den Mundschutz muss er teuer einkaufen, die Abstandsregeln einhalten. Und dann wird ganz groß die Bundesliga angepriesen. Sie wollen das durchziehen. Und der Fussballbund freut sich, dass alles so schön klappt. Wer ist hier eigentlich der Boss? Die Regierung oder der Fussballbund? 

Nur mal so nachgedacht... Wenn der Vorstand einer Firma eine Entscheidung fällt, dass etwas nicht getan werden darf, der Leiter darunter aber seiner Abteilung übermittelt, dass ihm das vollkommen egal ist und sie das anders machen ... was passiert dann? Genau. Der Leiter geht garantiert nicht grinsend und mit stolz geschwellter Brust aus der nächsten Besprechung. Finde den Fehler. Und genau hier hat sich der Fussballbund eine ganze Menge an Kredit verspielt, wenn nicht sogar ALLES. 

Respekt, Herr Haseloff!

Das nun einige Drittligisten in den Fokus des DFB stehen und viele Vereine mit den Fingern auf die Befürworter des Abbruchs zeigen, ist (hoffentlich) nur ein Ablenken vom eigenen schlechten Gewissen. Seien wir doch mal ganz ehrlich. Die Geisterspiele der Bundesliga sind eine Darbietung wie im Puppentheater. Die Spieler sind Marionetten, die wollen einfach nur spielen, und die Verantwortlichen des DFL ziehen oben die Fäden. Frage: Wieso müssen sich Auswechselspieler auf der Ersatzbank 1,5 Meter auseinander setzen, wenn sie am Vormittag noch zusammen trainiert haben oder vorher in der Kabine nebeneinander saßen? Zudem wurden alle negativ auf Covid-19 getestet und das ja ständig, da die Kapazitäten für die Fussballvereine schier unbegrenzt sind. Wieso muss sich ein Spieler einen Mundschutz aufsetzen, wenn er nach 70 gespielten Minuten den Platz verlässt? Wieso müssen die Spieler von der Kabine in den Innenraum einen neuen!!!!! Mundschutz tragen, den sie nach 15 Metern in die Mülltonne werfen??? Wieso sitzen Spieler auf der Tribüne in einem Abstand, beim Verlassen stehen sie nebeneinander? Kann mir bitte jemand diese Logik erklären? Kann keiner, denn es soll natürlich nach außen so toll dargestellt werden, dass sich auch der Fussball an die Regeln der Bundesregierung hält. Ein Schauspiel, welches seinesgleichen sucht.

Kein Spieler, Trainer, Betreuer ist positiv getestet, wieso reicht es nicht, wenn die anwesenden Ordner und Journalisten einen Mundschutz tragen und Abstand halten? Wieso wird das Schutzmaterial so verschwendet und bei den Ärzten und Praxen und Krankenhäusern fehlt es an allen Ecken und Kanten? Kann mir das mal bitte jemand erläutern? Und wieso darf sich der Fussballbund über die Gesetze der Bundesrepublik hinwegsetzen? Klar. Seit Jahren wurde der Fussball auch von der Regierung immer ganz groß gewichtet. Das wird nun ausgenutzt und sogar unsere Kanzlerin muss hier klein beigeben und hat keine Chance. 

Dank des Förderalismus darf dann auch noch jedes Bundesland für sich entscheiden und somit hat der Vizekanzler Herr Söder, zudem Ministerpräsident des Landes Bayern, immer schön die Möglichkeit sich und sein Land (die Reihenfolge war absichtlich so gewählt) in den Fokus zu schieben. Aber wir, als Bürger*innen des Landes Sachsen-Anhalt mit den drittniedrigsten Ansteckungszahlen, halten uns an die Vorgaben des Bundes und stellen die Gesundheit in den Vordergrund. Und Bayern mit den meisten Infizierten meint, es müsste schon seit April wieder alles anders machen und Mannschaftstraining zulassen. Ganz ehrlich? Hier stimmt was nicht im Land. 

Danke, Herr Haseloff!

Danke, dass sie unsere Gesundheit geschützt haben. Danke, dass sie dem Druck des DFB nicht klein beigegeben haben. Danke, dass ihnen die Gesundheit der Menschen mehr am Herzen liegt, als Fussball. Und den "Krieg", den die Abbruchbefürworter nun noch stärker gegen den DFB führen, führt glaube jeder hier gern. 

Es ist schade, dass der Fussball, der als Sport für alle Schichten entstanden ist, zu einem Sport des Geldes geworden ist. Die 3. Liga krankt seit Jahren an fehlenden Geldern. In den Oberhäusern werden Millionen und Milliarden transferiert. Wofür?  Damit die Spierberater und Spieler sich eine neue Garage für den 5. Porsche bauen können? Eine bessere Umverteilung des Geldes oder Obergrenzen bei Spielergehältern würde eventuell auch nach unten hin eine gewisse Chancengleichheit bringen, wenn auch dort ein paar Euros abfallen würden. Vereine kranken, müssen aufgeben, weil es ohne Ehrenamtler nicht funktioniert. Ehrenamtler, die kein Geld, bzw eine kleine Aufwandsentschädigung bekommen und wahnsinnig viel Zeit opfern. Da unten kommt ggf auch ein neuer Nationalspieler her, vielleicht aber auch nicht, wenn er aufgrund eines fehlenden Fussballvereins dann doch zum Leichtathletik wechselt.

Ein auswegloser Kampf 

Wir werden einen Kampf führen, der nicht zu gewinnen ist. Kein Spieler wird gefragt, wie er sich dabei fühlt, wenn er auf dem Platz stehen muss. Vereine, die sich an die Statuten halten, werden ausgelacht. Der Fussballbund setzt seine eigenen Regeln plötzlich außer Kraft, wenn eine Lücke im Detail entdeckt wird. Spielpausen zwischen den Spielen wurden damals zum Schutze der Gesundheit des Spielers eingeführt. Nun dürfen Spiele innerhalb von 72 Stunden stattfinden. Die Gesundheit ist egal. Egal ob der Virus Covid-19 oder Muskelverletzung heisst. Egal ... hauptsache sie ziehen das durch. Hauptache sie gewinnen. Hauptsache sie können den anderen Ländern (England etc.) zeigen, dass es funktioniert. Und die Stolpersteine (siehe Dynamo Dresden) werden plötzlich ganz klein geredet, bis sie gar nicht mehr in der Presse auftauchen. Zufall? 

Wie sagt der Bayer "Pascht scho". Genau. Solange es keinen von ihnen trifft. Würde mich mal interessieren, wenn plötzlich eine Mannschaft aufgrund des Virus ein paar positive Testergebnisse hätte und in der Tabelle schlecht dasteht. Momentan schauen sie alle nur nach oben. Da geht noch was. Der Blick ist steil auf die 2. Bundesliga gerichtet. Das bringt Geld. Das bringt Punkte. Was ist aber, wenn ...

Mit einem Lächeln im Gesicht und der Faust in der Tasche

Ein aussichtsloser Kampf endet immer mit einem Lächeln im Gesicht und der Faust in der Tasche. Mannheim, Jena, Halle und Magdeburg haben viel versucht. Nun ist der Druck sogar noch mehr gewachsen. Sie müssen es sportlich zeigen. Jetzt erst Recht. Wir sind zwar nicht im Stadion und können unsere Jungs anfeuern. Wir müssen darauf vertrauen, dass sie alles geben. Wir haben keinen Einfluß und hoffen, dass sie es für ihren Arbeitgeber tun. Und für die Fans, die sie in den vergangenen Spielen kennengelernt haben. Vor einer Magdeburger Kulisse zu spielen, hat noch keinen Spieler kalt gelassen. Von daher sollten sie alles tun, damit auch in der kommenden Saison das Stadion voll ist und wir in der 3. Liga wieder alles geben können, um nach oben zu kommen.

Die Faust in der Tasche ist geballt und ganz Magdeburg und Umgebung wird bei einem Tor laut schreien. Wir schreien den Frust heraus und es ist auch gleichzeitig dann der Mittelfinger in eine Richtung.

Zum Abschluß

Wir von Sportfotos Magdeburg lieben den Fussball. Wir lieben unseren Club und sind unsagbar traurig, dass auch wir die Saison nicht mit allen gemeinsam zu Ende bringen können. Aufgrund der Auflagen des DFB werden wir nicht zu jedem Spiel zugelassen. Auch wir sind zum Zuschauen vor dem TV verdammt. Aber falls wir vor Ort sind und das Glück haben Bilder machen zu dürfen, dann stellen wir diese hier für euch ein. Ob wir einen Spielbericht schreiben wissen wir noch nicht. Wir sind so hin- und hergerissen ... wir hofften auf den Abbruch, weil Geisterspiele keine Alternative darstellen. Ohne Fans, ohne Einnahmen für den Verein ... da fehlt die komplette Leidenschaft, die so ein Fussballspiel ausmacht. Und plötzlich sind wir sogar froh, dass wir die schönen Heimspiele sogar in der ersten Saisonhälfte hatten. Da war das Stadion voll. Was haben wir wegen des Umbaus geschimpft. Doch nun können  wir sagen "Puhhh..." - wenigstens die Zuschauerstärksten Spiele haben wir in der Tasche. Wir grübeln trotzdem weiter, ob wir was machen. Ihr werdet es sehen. 

Einmal-Immer!