Pure Erleichterung nach Tagen der Ratlosigkeit

Klassenerhalt durch Sieg in Ingolstadt

Pure Erleichterung nach Tagen der Ratlosigkeit

02.07.2020von Nicole OtrembaFußball
Pure Erleichterung nach Tagen der Ratlosigkeit

Sonntag _ Kurz nach der Niederlage gegen Sonnenhof Großaspach

Leere. Fassungslosigkeit. Wut. Entsetzen. Angst. Wortlos. Ratlos. Mit dem Rad machte ich mich auf den Weg zurück nach Hause. Ich wollte nicht reden. Ich wollte einfach mit meiner inneren Trauer allein sein. Ich fühlte mich ratlos. Sah mich machtlos einer Mannschaft gegenüber, die den servierten Matchball nicht nutzte. Warum? Wollten sie nicht? Konnten sie nicht? Oder war es einfach nur eine Verstrickung unglücklicher Umstände und es war einfach nicht ihr Tag? Wie leider so oft in den letzten Monaten? Ich war sprachlos. Ich radelte mit Wut im Bauch nach Hause, ließ alles fallen und starrte ins Nichts. Ich wollte nicht reden. Ich konnte einfach nicht reden. Und als dann doch die Gespräche zum Spiel gingen, hatte ich das erste Mal seit Ewigkeiten nur einen Wunsch. Trinken.

Montag _ Der Tag nach der Niederlage

Der Gang ins Büro war schwer. Seufzer über Seufzer begleiteten mich auf den Weg. Ich wusste was kommen würde. Es kam auch, obwohl es schon bei Mundöffnung meines Gegenüber gleich laut und schnell heraussprudelte "Ich möchte nicht über das Spiel gestern sprechen". Mitleid schwappte mir entgegen und Hoffnungslosgkeit machte sich in mir breit. Alles um mich herum redete von Abstieg. Regionalliga. 5 Mal Berlin, statt 4 Mal München. Ich wollte es einfach nicht mehr hören.

Dienstag _ Ein Tag vor dem Auswärtsspiel

Kennt ihr das, dass ihr euch in aller Verzweiflung etwas Schönredet? So erging es mir. Ich malte mir aus, wie der Tag am Mittwoch verlaufen würde. Ich spürte die Enttäuschung und Angst schon in meinen Gliedern. In meinem Kopf fuhr ich bereits mehrmals nach Berlin. Saarbrücken ist eh viel zu weit. Und dann noch Unterhaching, 1860, Bayern II und Türkgücü, ggf Ingolstadt. Das ist am Ende der Welt. Köln, Duisburg, Verl, Mannheim, Kaiserslautern ... Hilfe .... da ist doch Leipzig, Meuselwitz & Co viel angenehmer. Mein Kopf wollte es einfach nicht wahrhaben. Ich habe den Club so viele Jahre begleitet und plötzlich steht alles vor einem Scherbenhaufen. Nicht nur der fussballerische Abstieg, auch in der Arbeit für den Club änderte sich mit dem 01.07.2020 plötzlich einiges. Ein Arbeitsteam schien zu zerfallen und das war das Schlimmste. Ich lenkte mich mit Sport ab. Das macht normalerweise den Kopf frei. Doch meine Laune war immernoch im tiefsten Keller verschwunden. Auf dem absoluten Nullpunkt.

Mittwoch _ Der Tag des Auswärtsspiels

Kurzfristig ging es doch für mich auf die Reise. In einem kleinen 2-Mann-Team, machten wir uns Mittags auf den Weg. Der Tag begann irgendwie schon richtig gut. Meine Gedanken vor dem BayernII-Spiel "Ich erwarte nichts und hoffe viel" kamen mir wieder in den Kopf. Zudem verlor ich eine Augenwimper. Ihr wisst, was ich mir gewünscht hatte. Ich schaute des öfteren Gedankenverloren in den Himmel, sprach zu dem imaginären Fussballgott. Dabei bin ich gar nicht gläubig. Nun denn ... Mittags herum ging es los. Der Bus rollte in den Süden. Es wurde viel gelacht, erzählt und geschwitzt. Die Klimanalage ließ uns bei 32,5 Grad irgendwie im Stich. Wir saßen im eigenen Saft und lachten darüber. So what. Dat Lebbe geht weiter. Pünktlich in Ingolstadt angekommen, mal kurz noch Schokolade geshoppt und dann den Weg zum Audi Sportpark gebahnt.

Vor dem Stadion wurde von den Fans der Schanzer ein Banner geprüht "Kämpfen für Liga 2". Wir wollten den Banner entreißen und eine "3" drübersprühen, gingen aber erstmal hinein in das Stadion. Nichts. Geisterspiele sind furchtbar. Alles wird abgehangen. Der Gästeblock leer. Die Anspannung war unerträglich. Ich plauderte mit meinen Kollegen und wir wollten einfach nur den Sack "Klassenerhalt" zu machen. Wir wollten kein Endspiel am Samstag. Aber wir wussten auch nicht, wie das gehen sollte. Wir fühlten uns beide förmlich ausgeliefert.

Die Mannschaft kam zur Erwärmung und ich fixierte alle der Reihe nach ... ganz langsam. Mein Blick ging nach rechts und dann nach links. Ich schaute sie an, sie spulten ihr Programm ab. Dann wieder der Blick in den Himmel von Ingolstadt. "Bitte" dachte ich, faltete meine Hände und ging in mich. Und dann begann das Spiel ...

Das Spiel in Ingolstadt

Taktisch geprägt war das Spiel von der ersten Sekunde. Ingolstadt war aber vom Start an besser. Wir kamen nicht über die Mittellinie. Sie drückten. Sie kamen über rechts und über links und sie schossen aus allen Lagen. Unser Torwart Morten Behrens hielt. Dann wieder. Spielaufbau von hinten, der Ball über die Außenbahnen, lange Flanke in die Box ... abgewehrt. Die Minuten verrannen, wir freuten uns über jede vergangene Minute und das bestehende Unentschieden. Den Blick auf die anderen Plätze wollte ich vermeiden, doch es wurde mir automatisch herangetragen. Meppen führt. Jawoll. Zwickau Unentschieden. Gut. Weiter gehts. Wir pushten die Spieler. Hinter mir der verletzte Sören Bertram, der unentwegt anfeuerte. Vor mir die Ersatzbank und links Mario Kallnik. Unten die Trainerbank. Von allen Seiten wurde gebrüllt, die Schiedsrichterentscheidungen angezweifelt, die Spieler belobigt und immer wieder angetrieben.

Halbzeit. 0:0. Durchatmen. Spielstände checken. Nein. Wir müssen uns auf uns konzentrieren. Ich schickte nochmal zwei gedrückte Daumen zum Trainer, als er wieder das Stadioninnere betrat. Man sah ihm die Anspannung förmlich an. Auch er wollte wissen, wie es auf den anderen Plätze steht. Wir kümmerten uns um die Auswechslungen. Gab keine. Kein Mario Kvesic? Okay. Weiter gings. Durchatmen und lostickern.

Es ging weiter. Langer Ball von Ingolstadt nach vorne in Richtung unserem Tor, abgewehrt. Nächster Ball. Abgewehrt. Dann geht Sirlord Conteh mal schnell nach vorne, wird von uns angefeuert und im Strafraum gefoult. Der Schiedsrichter entscheidet "Kein Elfmeter". Wir springen auf und brüllen alles zusammen. Munter ging es weiter. Nach 60 Minuten wieder ein Magdeburger Angriff und dann bekommt Thore Jacobsen die Pille und zieht einfach ab. Der Ball fliegt, wird abgefälscht und zappelt im Netz. 1:0 und kollektives Ausrasten. Schon da war ich heiser.

Kurz darauf dann ein Handspiel an unserer Strafraumgrenze. Keine Minute nach unserem Führungstreffer. Zwei gelbe Karten verteilte der Schiedsrichter und Ingolstadt mit einem perfekten Freistoß. Abgefälscht. Ecke. Kein Tor. Von draußen dringt Gesang an unser Ohr. Als plötzlich "Auswärtssieg" skandiert wurde, wussten wir ... es sind einige wenige Clubfans vor Ort. Konzentration aufs Feld. Ingolstadt drückte. Wir schlugen die Bälle raus, bekamen aber auch Kontermöglichkeiten. Die Hektik auf der Tribüne von den Magdeburgern wurde unerträglich. Die Sommerhitze im Stadion ließ den Schweiß in Bächen strömen. Es folgten viele Wechsel bei den Schanzern. Das Spiel kostete Kraft und Nerven.

In der 80. Minute kam dann Mario Kvesic. Er verteilte die Bälle und sein Gang war immer nach vorne. Keine 3 Minuten nach seiner Einwechslung dann die Exstase. Was macht denn unser Kapitän da? Er gibt den Ball perfekt aus dem Strafraum zu Mario Kvesic zurück, der steht zentral zum Tor und zieht einfach ab. Und? Der Ball zappelt wieder im Netz. 2:0 nach 83 Minuten und die Magdeburger rasteten völlig aus. Wir brüllten und jubelten und unsere Stimmen versagten gänzlich. Nun hieß es durchhalten. Ingolstadt drückte und drückte und wir hatten das Spiel gegen Bayern II plötzlich vor dem geistigen Auge. Gerade gedacht, zeigte der Schiri auf den Elfmeterpunkt für Ingolstadt.

WAS? Kvesic und Thalhammer gehen beide zum Ball und Thalhammer hält den Fuß über Kvesic. Eher Freistoß für den Club, aber der Referee sah es anders. Somit nahm sich Kapitän Kutschke den Ball und nahm Anlauf. In der Zeit wurden die Wortgefechte auf den Tribünen immer lauter und hitziger. Nachdem Morten Behrens den Ball auch noch hielt, war für uns die Gerechtigkeit hergestellt. Kurz darauf war es vorbei.

Sieg. Geschafft. Klassenerhalt perfekt. Die Mannschaft jubelte und grinste um die Wette. Sie feierten, als wären wir aufgestiegen. Doch der Druck fiel einfach ab. Es war einfach nur noch schön. Ich hielt inne und schaute einfach zu. Der Trainer ging Gedankenverloren auf dem Rasen auf und ab und bekam bestimmt hunderte Nachrichten. Verdient. Einfach nur verdient. Die Party ging in der Kabine weiter. Draußen warteten wirklich wenige Fans. Spät am Abend ging es auf die lange Rückfahrt. Das Adrenalin in meinem Körper ließ uns munter durch die Nacht fahren.

So fühlt sich also ein Klassenerhalt an. Endlich kann der Club planen. Endlich haben auch einige Angestellte Sicherheit. Und das freute mich am Meisten. Spieler kommen, Spieler gehen ... was bleibt, ist der Club.

Achja.. wir fahren nicht 5x nach Berlin oder nach Leipzig. Wir fahren 3x nach München, Unterhaching, Mannheim, Kaiserslautern, Saarbrücken, Verl, Köln, Meppen ... einmal quer durch Deutschland. Und was soll ich euch sagen? Ihr wisst es. Ich will genau DAS.

Donnerstag _ Der Tag danach

Einige Fans haben die Mannschaft mitten in der Nacht noch am Stadion empfangen. Da war ich bereits in meinen Träumen. 4 Stunden Schlaf. Mehr war nicht drin. Um 6 Uhr ging der Wecker. Egal. Es hat sich gelohnt. Und meine Kollegen grinsten mich an und beglückwünschten mich. Dabei hab ich gar nichts dazu beitragen können. Ich war einfach nur an den Tasten und live dabei. Ich bin ein Fan wie jeder Andere auch. Aber meine Felsbrocken, die sind heruntergefallen. Noch ein Spiel. Ganz entspannt schauen. Ohne Druck ins Stadion und dann PAUSE. Und hoffentlich gibt es mit der neuen Saison auch die Fans wieder im Stadion.

Denn .. Ohne Fans ist der Fussball NICHTS.

Danke, mein 1.FC Magdeburg. Danke für eine weitere Saison in Liga Drei.

Einmal-Immer.